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FAMILIENMAGAZIN OLDENBURG  3 | 2022








         Version seiner selbst zu sein oder darzustellen (was man
         im Italienischen eine „Bella figura machen“ nennt). Statt-
         dessen passiert das Umgekehrte: Man präsentiert sich in
         der Öffentlichkeit, als wäre man allein in seinem Bade-               Eine Kolumne von Udo Brandes
         zimmer. Während zum Beispiel die verstorbene Schauspie-
         lerin Inge Meysel für einen Auftritt in der Talkshow „Drei
         nach neun“ von Radio Bremen einen Tag beim Friseur
         verbrachte, um einen eleganten Auftritt in der Öffentlich-  Geschlechter gebe. Die Humboldt-Universität sagte den
         keit hinzulegen, sitzen in solchen Talkshows heute Gäste   Vortrag aus Sicherheitsgründen ab, weil Transgender-
         barfuß und in kurzen Hosen (habe ich vor Kurzem in der   aktivisten Ärger angedroht hatten. Die Biologin musste
         SWR-Talkshow „Nachtcafé“ gesehen). Oder sie plaudern   massenhaft Beschimpfungen über sich ergehen lassen
         über ihr selbst gewähltes Leben als Sklave einer Domina.   („transfeindlich“ etc.), nur weil sie eine andere Meinung
         Und das sind noch die harmloseren Beispiele.         als die Aktivisten vertrat und diese auch argumentativ
                                                              untermauern konnte. Dieses ist nur eines von sehr vielen
         Was zunächst gespielt wird, wird                     Beispielen der epidemisch sich ausbreitenden „Cancel-
         zu einer inneren Haltung                             Culture“. Die Cancel-Aktivisten argumentieren nicht etwa
                                                              gegen einen Standpunkt, den sie nicht teilen, sondern be-
                                                              haupten, dieser sei „verletzend“, „kränkend“, „beleidigend“,
         Zu einer zivilisierten Öffentlichkeit gehört aber, dass man   „transfeindlich“ usw. Sie sind nicht mehr dazu in der Lage,
         dort stets wie ein Schauspieler „auftritt“, also sich an   etwas, das ihnen fremd ist, zu tolerieren (eine andere Mei-
         zivilisierte Verhaltens- und Umgangsregeln hält. Höf-  nung oder einen anderen Lebensstil). Und erst recht nicht,
         lichkeiten austauscht. Dies mag manchem wie Heuchelei   diesen von ihnen abgelehnten Standpunkt oder Lebensstil
         erscheinen. Aber: Höflichkeit, die zunächst nur „gespielt“   argumentativ zu kritisieren und damit das zu tun, was im
         wird, verändert Menschen. Wenn wir dies alle tun, verin-  Sinne der Aufklärung eine demokratische Öffentlichkeit
         nerlichen wir nach und nach diese Haltung. Dies ermög-  und eine demokratische Republik ausmacht. Für diese
         licht es, dass auch Fremde sich im öffentlichen Raum res-  Milieus gibt es nur noch die „Guten“ (das sind sie selbst)
         pektvoll begegnen und füreinander interessieren können.   und die „Bösen“ (das sind potentiell alle, die eine andere
                                                              Meinung vertreten oder ein anders Weltbild haben). Und
         Ich erinnere mich daran, wie ich in den achtziger Jahren   die Bösen haben in dieser Sichtweise kein Existenzrecht.
         in der Berliner U-Bahn saß. Mir gegenüber saß ein älterer   Sie sind in den Augen dieser Schwarzweißdenker Feinde,
         Herr aus der Großbourgeoisie. Dann kam laut lärmend   die es zu vernichten gilt. Die Folge: Genau die Leute, die
         eine Gruppe junger Arbeiter rein. Ich als Landei fühlte   bei den kleinsten Kleinigkeiten laut „Diskriminierung“
         mich gleich sehr unwohl. Aber dieser Gentleman alten   schreien, vernichten mit großer Lust die Existenz anderer
         Stils kam wunderbar mit der Situation zurecht. Wie ich   Menschen. Deshalb behalten immer mehr Menschen auch
         aus dem Gespräch, das sich zwischen ihm und den jungen   ihre Meinung lieber für sich, aus Angst um ihre wirtschaft-
         Männern ergab, entnehmen konnte, war er Amerikaner   liche und gesellschaftliche Existenz.
         deutscher Herkunft, ein alter Berliner, der aus Nazi-
         Deutschland geflüchtet, nun US-Amerikaner war und sei-  Der österreichische Philosoph Robert Pfaller sieht durch
         ne alte Heimat besuchte. Einer der jungen Männer zeigte   diesen Zerfall des öffentlichen Raumes vollkommen
         ihm schließlich sogar ein Foto von seiner Verlobten. Ein   zu Recht die Errungenschaften der Aufklärung gefähr-
         schönes Beispiel dafür, was Höflichkeit in einer Gesell-  det. Deren Ziel war der mündige Bürger, der sich zu den
         schaft zwischen so komplett unterschiedlichen Menschen   öffentlichen Angelegenheiten sachlich und argumentativ
         möglich macht. Das Gegenteil davon sind die (zweifelsoh-  äußern kann – und dabei auf die Kraft seiner Argumente
         ne authentischen) Shitstorms und ungehemmten Hassaus-  setzt, anstatt seine persönliche Kränkung zum Maßstab
         brüche in den diversen Medien, ob auf Twitter, Facebook   der öffentlichen Politik zu machen. Ich hoffe, dass wir es
         oder wo auch immer.                                  schaffen, wieder diese Form der demokratischen Öf-
                                                              fentlichkeit zu entwickeln. Eine Öffentlichkeit, in der die
         Erwachsene machen sich zu                            Bürger mit Argumenten anstatt mit Diffamierungen und
         infantilen Nicht-Erwachsenen                         Denunziationen über Politik streiten.
                                                              In einem Werbespot für einen Tankstellenkonzern hieß es
         Im Grunde machen sich Erwachsene dadurch zu infantilen,   einmal: „Es gibt viel zu tun. Packen wir's an!“. Genau das
         unreifen Nicht-Erwachsenen, die nicht von sich selbst und   sollten wir tun, und zwar jeder einzelne Bürger in seinem
         ihren persönlichsten Befindlichkeiten absehen können.   Umfeld.
         Ein Beispiel, um dies zu veranschaulichen: Die Biologin
         Marie-Luise Vollbrecht wollte bei einer Veranstaltungs-  PS: Zu diesem Thema empfehle ich das Buch „Erwachse-
         reihe der Berliner Humboldt-Universität einen Vortrag   nensprache. Über ihr Verschwinden in Politik und Kultur“
         darüber halten, dass es aus biologischer Sicht nur zwei   des Philosophen Robert Pfaller.


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